Erholungsgebiet Fröttmaninger Berg

Das Erholungsgebiet Fröttmaninger Berg ist Bestandteil des Grünordnungs-konzeptes Münchner Norden, in das auch die angrenzende Deponie Nord nach Beendigung der Baumaßnahmen eingebunden wird.

 

Über die Architekten
Das Büro „Ruoff Landschaftsarchitekten“ wurde 1969 gegründet und realisiert seitdem in der Münchner Region und in Berlin technisch anspruchsvolle Deponieplanungen, Kiesabbau-Rekultivierungsprojekte, Erholungsgebiete, Stadtrandparks sowie Wohnungsbauprojekte. Dipl. Ing. Anette Ruoff und ihr Team beschäftigen sich als Landschaftsarchitekten und Stadtplaner intensiv mit Fragen der verlässlichen Freiflächensicherung in Wachstumsstädten wie München, Berlin und Mailand.

Interview mit Dipl. Ing. Anette Ruoff

Fachliche Fragen zur Rekultivierung der Deponie Nord München
 
Frau Ruoff, Ihre Aufgabe ist es, aus einer unwirtlichen Mülldeponie eine naturnahe Kulturlandschaft zu schaffen. Was sind dabei für Sie die größten Herausforderungen?

Die Deponie Nord ist eine von drei städtischen Deponien, die das Autobahnkreuz München-Nord und die neue Fußballarena flankieren. Unser Ziel ist es, ein gelungenes Landschaftsbild mit einer Ensemblewirkung aller drei Berge zu erreichen. Dank der Deponiebetreiber, die sich an die Rekultivierungsauflagen gehalten haben, stellt sich die Landschaft rund um das Autobahnkreuz heute schon als repräsentativer grüner Stadteingang dar. Der Fröttmaninger Berg mit dem Windrad dient bereits seit 2000 als großzügig bewaldeter, zusammenhängender Landschaftspark. Die Deponie Nord-West nördlich des neuen Fußballstadions ist noch in Betrieb. Die Deponie Nord, um die es in unserem Projekt geht, hat die Besonderheit, dass das Deponat aus Klärschlamm und Klärschlammasche des nahegelegenen Klärwerks Gut Großlappen besteht. Schon länger war eine Freigabe für die öffentliche Erholungsnutzung geplant, doch muss diese auf längere Zeit verschoben werden. Da sich die alte Deponieabdeckung als undicht erwiesen hat, muss nun eine Komplettsanierung in Form einer Abdichtung erfolgen. Im ersten Schritt ist dazu eine Rodung erforderlich, nach Abschluss des technischen Dichtungsaufbaus folgt die identische Wiederbegrünung des Bergs. Der Neubau einer Oberflächenabdichtung ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass das derzeit eingezäunte Deponiegelände in Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

 

Schildern Sie bitte die landschaftsbaulichen Maßnahmen

Die Oberflächensanierung erfolgt zeitlich gestaffelt in einzelnen Bau- und Rodungsabschnitten über einen Zeitraum von sieben Jahren. Dabei müssen Bäume und Sträucher in den einzelnen Teilbereichen gefällt werden. Ein Teil der Wurzelstöcke wird bei der späteren Wiederbegrünung für naturschutzfachliche Strukturanreicherungen genutzt.
Die belebte Oberbodenschicht wird gesondert und schonend abgetragen und in speziellen, niedrigen Haufwerken gelagert, um eine sofortige Wiederandeckung der Deponieoberfläche mit demselben Boden nach der Herstellung des Deponiedachs zu gewährleisten. Sobald der Oberboden wieder auf die neuen Pflanzflächen aufgetragen ist, wird zeitnah eine Wiederbepflanzung des jeweiligen Bauabschnitts durchgeführt, die fast identisch mit der derzeitigen Begrünung sein wird.

 

Worauf legen Sie bei der Rekultivierung der abgedichteten Deponie besonderen Wert?

Da sich bei der bisherigen Rekultivierung ein sehr reizvolles Landschaftsbild mit standorttypischen Baumarten eingestellt hat, legen wir Wert auf eine fast identische Wiederaufforstung der Waldflächen. Auch die Bergform wird beibehalten. Der derzeitige Berg fügt sich mit seiner Bewaldung zwischen dem Isarauwald und dem „Windrad-Berg“ unauffällig ein. Von Garching her kommend, erlebt man die Deponie Nord nicht als Betriebsgelände oder künstlichen Fremdkörper, sondern als langgestreckten Ausläufer des Fröttmaninger Bergs neben dem Isarauwald. Der untere Waldsaum entlang der Freisinger Landstraße kann dauerhaft erhalten werden.

 

Planen Sie auch besondere landschaftsgestalterische „Schmankerl“ ein?

Die Kuppe des derzeitigen Bergs ist momentan nicht bewaldet. Nach Abschluss der Sanierungsmaßnahmen der Oberflächenabdichtung sind einige Waldflächen auch im Kuppenbereich vorgesehen. Im Hinblick auf die geplante, spätere Öffnung des Geländes zur Naherholung bleiben dabei jedoch die beeindruckenden Blickbeziehungen zu den Alpen, zum benachbarten Windrad, zur Münchner Stadtsilhouette mit Olympiaturm, zum neuen Stadion, zu den Isarauen und Richtung Garching und Freising erhalten. Die Wiesenbereiche sollen bei der Wiederbegrünung differenzierter als bisher angelegt werden, mit artenreichen Magerrasen in flacheren Bereichen und hohen Kräutersäumen entlang der Gehölzränder.

 

Neben vielfältigen Pflanzen leben auf dem rekultivierten Gelände auch unterschiedlichste Tierarten. Was passiert während der Bauarbeiten mit der Fauna?

Durch schonenden Abtrag des Oberbodens, kurze Lagerzeit in benachbarten niedrigen Haufwerken und möglichst schnelle Wiederandeckung desselben Oberbodens auf die neu herzustellenden Pflanzflächen soll versucht werden, die Kleinstlebewesen des Bodens zu großen Teilen am Leben zu erhalten. Dieses Verfahren, das naturschutzfachlich als „Impfung“ bezeichnet wird, fördert das zügige Entstehen einer ähnlich belebten Oberbodenschicht. Die Rodungsmaßnahmen erfolgen im gesetzlich festgelegten Zeitraum zwischen 1. Oktober und 28. Februar außerhalb der Vogelnistzeiten. Die von der Rodung betroffenen Tierarten können in unmittelbar benachbarte, bewaldete Deponieabschnitte flüchten, die übergangsweise als Ruhezone dienen. In den noch jungen Aufforstungsflächen schaffen wir schützende Orte, indem wir Wurzelstöcke verteilen, die als künstliche Bruthöhlen und Rückzugsorte dienen.

 

Der Deponiekörper besteht aus mit Kalk stabilisiertem Klärschlamm. Hat das Einfluss auf die Vegetation an der Oberfläche?

Nein. Zwischen der durchwurzelbaren Rekultivierungsschicht, die durchgängig eine Tiefe von drei Metern aufweisen wird, und dem Deponiekörper liegt die neue mineralische Abdichtungsschicht in einer Gesamtstärke von einem Meter, die als Schutz vor Durchwurzelung eine stark verdichtete Sperrschicht beinhaltet. Deponiekörper und Vegetation kommen weder mit den Wurzeln noch im Wasserhaushalt miteinander in Kontakt.

 

Warum hat sich die Münchner Stadtentwässerung für eine drei Meter dicke Rekultivierungsschicht entschieden?

Um eine dauerhafte Begrünung ohne hohen Pflegeaufwand zu gewährleisten, die der potenziellen natürlichen Vegetation entspricht, also der Vegetation, die sich auch von selbst durch Samenanflug ansiedeln würde (allerdings in sehr viel längeren Zeiträumen), mussten wir wissenschaftliche Erkenntnisse auswerten und zum Teil selbst erarbeiten. Untersucht wurde, welche maximale Durchwurzelungstiefe die einzelnen Gehölzarten haben und ob diese Forschungserkenntnisse Allgemeingültigkeit haben bei eventueller genetischer Festlegung des Wurzelverhaltens.
Es stellte sich heraus, dass das Wurzelverhalten von Gehölzen solch eine genetische Festlegung innerhalb bestimmter Bandbreiten hat. Wir führten auf der bestehenden Deponie Schürfgrubenuntersuchungen bei den Bestandsgehölzen durch. Bei einer Rekultivierungsschichtdicke von lediglich zwei Metern müssten sehr viele, sich von selbst ansiedelnde Gehölze bei der Pflege ständig entfernt werden, weil sie die mineralische Oberflächendichtung beschädigen könnten. Bei einer Dicke von drei Metern müssen nur sehr wenige Gehölze, die sich durch Anflug ansiedeln, bei der Pflege entfernt werden, da nur wenige Gehölze der standorttypischen Vegetation tiefer als drei Meter wurzeln können. Die hohe Schichtdicke ist also sicherer und nachhaltiger, was den Pflegeaufwand betrifft. Das Rekultivierungsziel ist hier Wald, was nicht bei allen Deponien der Fall ist, hier aber durch die unmittelbare Nähe des Isarauwalds und den ständigen Samenanflug von Gehölzen geboten ist.

 

Wie lange muss das Areal gepflegt werden?

Die Mahd der Wiesenflächen wird bei der geplanten Nachnutzung als Erholungsgelände zirka zwei Mal jährlich erfolgen, ähnlich wie beim benachbarten „Windrad-Berg“, bei dem die Wiesenflächen regelmäßig gemäht werden, als Bestandteil des Erholungsgeländes. Sollte aber bei geänderter Zielsetzung das Gelände nach erfolgter Freigabe an die Öffentlichkeit nicht mehr gepflegt werden, würden sich die Wiesenflächen allmählich von selbst wiederbewalden. Für diesen Fall wurde vorsorglich sowohl für die Wald- als auch für die Wiesenbereiche eine einheitliche Rekultivierungsschichtdicke von drei Metern gewählt.

 

Wird das Areal zukünftig für die Bevölkerung eine Bereicherung sein?

Das Areal ist in der derzeitigen Bewaldung bereits eine Bereicherung für das Landschaftsbild. Doch erst die Sanierungsmaßnahme macht die Öffnung des Geländes für die Bevölkerung möglich. Allerdings wird der Zeitraum, bis die Bürger dieses Areal betreten dürfen, weit in die Zukunft verschoben. Es handelt sich um ein sogenanntes „time lag“, eine Zeitlücke. Die Zeitlücke beträgt hier 20 bis 25 Jahre. In diesem Zeitraum kann der bestehende Aufstau im Deponiekörper abgebaut werden und die neu gepflanzten Gehölze sind etwa so weit entwickelt wie heute.


Im Zuge der Umweltschutzmaßnahmen kommt auch die FFH-Richtlinie zum Tragen. Was hat es damit auf sich?

Die FFH-Richtlinie ist eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union, die 1992 beschlossen wurde. Sie leitet sich ab von Fauna (= Tiere), Flora (= Pflanzen) und Habitat (= Lebensraum). Wesentliches Instrument ist ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten. Die östlich gelegenen Isarauen in der Nähe der Deponie Nord zählen zu den FFH-Schutzgebieten. Die räumliche Entfernung der Deponie Nord zum FFH-Gebiet beträgt zirka 500 Meter.
Die geplante Sanierungsmaßnahme stellt keine Gefährdung für das FFH-Gebiet dar.

 

Können Sie kurz das Grünordnungskonzept des Münchner Nordens skizzieren?

Noch in den 70er-Jahren waren die Deponien am Autobahnkreuz sowie das benachbarte Klärwerk München-Großlappen eine Zumutung für die Bevölkerung des Münchner Nordens – eine Ballung von geruchsbelastenden Negativeinrichtungen, die großen Anteil am schlechten Image des Münchner Nordens hatten.
Damals beschloss der Münchner Stadtrat, alle Deponien zusammenhängend aufzuwerten mit einem übergeordneten, ambitionierten Rekultivierungskonzept mit Wegeverbindungen zu den Isarauen und zur Fröttmaninger Heide sowie Fußgänger- und Brückenquerungen zwischen den einzelnen Deponien.
Die Modellierung der Berge, die Art der Bepflanzung und die Festlegung der Höhenentwicklung sollten so modellhaft ausgeführt werden, dass das Gelände später nicht mehr als offene Ansammlung von Abfallhalden wahrgenommen werden sollte, sondern als Erholungslandschaft, was zu der damaligen Zeit eine reichlich verrückte Utopie zu sein schien, an die nur die Stadtverwaltung und Entwurfsverfasser glaubten.
Heute gehen Anfragen bei der Stadt München ein, warum das Autobahnkreuz München mitten in den Isarauwald gebaut wurde. Es stand jedoch einmal inmitten kahler Feldflur. Die Besucher des neuen Stadions können heute und in Zukunft in grünen Hügeln mit interessanten, abwechslungsreichen Lichtungen spazieren gehen und den Fernblick auf Münchens Skyline und die Alpenkette genießen.

 

Nutzen Sie das Areal selbst?

Ich fahre zum Fröttmaninger Berg, wenn ich einen inspirierenden Blick auf München werfen will, mit einer angenehmen Distanz zum Alltag in der dichten Stadt. Ich genieße den Blick nach Norden auf die noch grünen Felder, Wiesen und Heiden jenseits der Stadtgrenze in Richtung Dachau, Garching und Freising.

 

 

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